Das Glas ist halbvoll (Handelsblatt vom 19. Februar 2010)

Das Glas ist halbvoll

Der Handel ist weit entfernt von menschenwürdige Arbeitsbedingungen, kritisieren Anspruchsgruppen. Eine ethische Auszeichnung für dessen soziale Brancheninitiative BSCI ist darum umstritten.

von Susanne Bergius
Überraschend hat die Business Social Compliance Initiative (BSCI) im Dezember den Preis für Unternehmensethik des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik (DNWE) erhalten. Die Initiative entstand 2003 als weltweiter Anstoß für Sozialstandards im Einzelhandel. Ihr Verhaltenskodex verpflichtet Mitgliedsfirmen, diese in der gesamten Lieferkette zu beachten. Die BSCI will „sicherstellen, dass alle Beteiligten von verbesserten Arbeitsbedingungen in ihrer Lieferkette profitieren können“, sagt Vorstandsvorsitzender Jan Eggert. Das ist eine Mammutaufgabe angesichts sehr komplexer und regional unterschiedlicher sozialer Herausforderungen sowie langer, teils komplizierter Beschaffungsketten.

Kritik kam promt. Die Kontrollen der BSCI seien unzureichend, auch weil keine lokalen Ansprechpartner beteiligt würden, denen die Menschen ihre Nöte anvertrauen könnten, wetterte Oxfam. Es gebe keine Beschwerde-Hotline, und würden Missstände aufgedeckt, fehle ein Mechanismus, sie zu beseitigen, moniert Sandra Dusch Silva von der Kampagne Sauber Kleindung. Von NGOs publik gemachte Missstände führten nicht unbedingt zu Re-Audits. Zudem seien die Standards nicht streng genug: „Die bloße Orientierung an staatlich festgelegten Mindestlöhnen etwa reicht in Bangladesh nicht zum Überleben.“ Auch werde über Audit-Resultate sowie Verbesserungen oder Verschlechterungen nicht berichtet. Die Einkaufspraxis einiger von NGOs beleuchteter Supermarktketten zeige, dass sie ihre Marktmacht nutzten, um Lieferanten sehr hohe Qualität zu niedrigsten Preisen abzuverlangen.

„Die BSCI-Mitgliedschaft ist Greenwashing“, resümiert Dusch. Zahlreiche Arbeitsrechtsverletzungen von Mitgliedsfirmen hat etwa die Supermarkt- Initiative dokumentiert. Ausländische und deutsche Einzelhandelsunternehmen wie Aldi, Deichmann, Hema, Lidl, Metro oder S. Oliver seien für die weltweite Schwächung von Sozialstandards verantwortlich. Löhne unterhalb des Existenzminimums, Unterdrückung von Gewerkschaften, ausufernde Überstunden und Frauendiskriminierung seien Alltag in Fabriken und auf Plantagen. Systematischer Durchbruch trotz offener Probleme

Die Wirtschaftsethiker hingegen würdigten, dass sich die BSCI für die Etablierung transparenter und nachprüfbarer sozialer Standards in den weltweiten Beschaffungsstrukturen der Mitglieder einsetzt. Der Verhaltenskodex sei ein Grundstein für ein gemeinsames, weltweites System zur Überwachung und Einhaltung sozialer Standards – ein „Grundstein“, sagte die Jury. Und hier liegt das Problem. Er allein sichert nicht, dass alle Unternehmen bei sich und sämtlichen Zulieferern menschenwürdige Arbeitsbedingungen durchsetzen. „Die NGO-Kampagnen haben völlig Recht, dass es noch offene Probleme und Verstöße bei der weltweiten Durchsetzung von Sozialstandards gibt. Das ist aber kein Grund, den systematischen Durchbruch, der mit BSCI erreicht wurde, für belanglos zu erklären“, kontert Prof. Albert Löhr, Vorstandschef des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik und Jury-Leiter. Das DNWE setze bei allen Preisträgern auf eine nachweisbare und transparente Prozessorientierung: Es zeichne innovative Ansätze aus, die wegweisend für die schrittweise Verbesserung der Verhältnisse seien. „BSCI ist ein ganz wesentlicher und zweckmäßiger Ansatz, weil zum ersten Mal eine internationale Verbandsinitiative im Handel Standards und Auditings harmonisiert hat und so wirksam arbeitet, dass selbst Unternehmen wie Lidl und Aldi unter den moralischen Druck geraten, teilzunehmen, um eine nachprüfbare Verbesserung der Arbeitsbedingungen in ihrer Lieferkette in Gang zu bringen“, begründet Löhr. „Für uns ist das Glas halbvoll, für die Kritiker halbleer“.

Die NGOs erwarteten totale Compliance, bei der es weltweit keine Probleme mehr gebe. „Wir halten das für utopisch, da man wohl niemandem eine ganz weiße Weste bescheinigen kann, sondern nur Anerkennung und Unterstützung für einen neuartigen und richtigen Weg zur Nachhaltigkeit, der konsequent weiter zu verfolgen ist.“ Natürlich müssten NGOs wunde Punkte und systematische Probleme aufdecken, doch es sei wenig zielführend, die wenigen ernsthaft betriebenen Ansätze wie BSCI pauschal zu verurteilen. „Eine radikale Ethik erstickt jeden Verbesserungsansatz im Keim“, warnt Löhr.

Eine Dachorganisation könne per se nur einen Minimalkonsens basierend auf internationalen Konventionen als Orientierungsmaßstab haben; die Unternehmen müssten diesen für sich herunterbrechen und konkretisieren. Hier sei noch viel zu tun: Die meisten Firmen erfüllten den Verhaltenskodex noch nicht. Verbesserungspotenzial beim BSCI sieht Löhr vor allem beim Auditingprozess: „Hier sollten externe Experten mit lokalen Akteuren stichprobenartige Kontrollen machen wie es bei der Fair Labour Association geschieht.“ Insbesondere der enorme Mitgliederzuwachs stelle die sehr kleine, einst von 20 Firmen gegründete BSCIStruktur vor Probleme. Momentan sei das eigene Konzept nur ansatzweise durchsetzbar. Um glaubwürdig 400 Mitglieder unterschiedlichster Größen und ihre Zulieferer zu kontrollieren, müsse die Organisation schleunigst aufgestockt werden.

Bei der Bewertung der Initiative seien keine Schwarz-Weiß-Aussagen möglich, sagt Lisa Häuser, Analystin von Oekom-Research. „Der BSCI-Code of Conduct umfasst wichtige internationale Standards und wird in unserem Rating recht gut bewertet.“ Es sei erfreulich, dass sich Zulieferer nicht mehr nach x verschiedenen Anforderungen richten müssten. Überdies könnten die Unternehmen ihr Einkaufsgewicht gemeinsam effektiver dafür einsetzen, bei den Zulieferern klare Fortschritte zur Einhaltung der Standards zu erreichen. Auch sei zu begrüßen, dass Firmen wie Aldi und Lidl aufgenommen werden, wobei die Initiative sicherstellen müsse, dass sie Fortschritte erzielen und keine Trittbrettfahrer sind.

Mangelnde Tranparenz und zu wenig Kontrolle

Ob und was die Initiative erreicht, ist jedoch von außen kaum zu beurteilen. Der Jahresbericht folgt zwar den Standards der Global-Reporting-Initiative, aber es finden sich keine detaillierten Angaben zu Auditergebnissen oder der Anteil der geprüften an allen Zulieferern. „Die mangelnde Transparenz ist ein Knackpunkt der ganzen Initiative“, bemängelt Häuser. Viel fortschrittlicher sei etwa Adidas mit der Veröffentliung umfassende Listen von Zulieferern. Einen Schwachpunkt sieht Häuser auch darin, dass Mitgliedsfirmen nur zwei Drittel ihrer Zulieferer in den Monitoring-Prozess aufnehmen müssen und dafür dreieinhalb Jahre Zeit haben.

Und im Gegensatz zur Ethical-Trading-Initative, die gemeinsam von Unternehmen, Gewerkschaften und NGOs gegründet wurde, sei bei der BSCI die Beteiligung von Anspruchsgruppen sehr begrenzt. Auch sollte sie sich klarer zu ihrer eigenen Verantwortung für die schlechten Arbeitsbedingungen bekennen. Dass bei all diesen Punkten mehr machbar ist, zeigen neben der britischen Ethical-Trading-Initiative, die auch deutschen Unternehmen offen steht, insbesondere die Fairware-Foundation oder die Fairlabour-Association, der Adidas und Puma angehören. Wollen Firmen wirklich die Arbeits- und Menschenrechtslage verbessern, sollten sie sich dort anschließen, sagen NGOs.

Handelsblatt vom 19. Februar 2010